Es geht wieder los.
Aktualisiert: 22. Juli
Ein halbes Jahr Vorfreude

Kaum zu glauben, dass wir tatsächlich in den Sattel steigen. Fast ein halbes Jahr Planung liegt hinter uns. Wie kriegen wir die Fahrräder im Zug mit? Wo übernachten wir? Und die wichtigste Frage von allen: Wo wollen wir eigentlich hin?
Und dann stehen wir auf einmal auf dem Bahnsteig.
Und wer sind wir? Genau, dazu habe ich noch nichts gesagt. Wir sind Tommi, ein ganz alter Freund, und ich [Horst]. Letztes Jahr sind wir mit unseren Rädern von Dresden nach Rostock gefahren, und das fühlte sich so gut an, dass eine Wiederholung sozusagen Pflicht war.
Von Basel in Richtung Salzburg GEHT ES DIESES JAHR

Das normale Leben ist ab jetzt für eine gewisse Zeit außer Kraft gesetzt. Der Zufall übernimmt die Gestaltung des Tages. Mal schauen, was passiert.
Was sehen, hören und riechen wir auf unserem Weg?
Zieht wieder ein Gewitter auf?
Lernen wir interessante Menschen kennen?
Wo ist denn verdammt noch mal schon wieder unsere Unterkunft, und mit welchem Code kommen wir an den Schlüssel?
Und dann noch die zentrale Herausforderung: Wo kriegen wir was Anständiges zu futtern, mit der richtigen Biersorte?
Wenn wir abends den Tag Revue passieren lassen, ist da jedes Mal dieses warme Gefühl.
Eigentlich sind wir zu viert

Parkinson ist bei mir seit vier Jahren diagnostiziert. In Wirklichkeit wohl seit neun. Und seit der Diagnose habe ich ihm den Namen PARKI gegeben. Ich wollte ihn nicht. Er kam einfach vorbei. Ist eingezogen, und seitdem habe ich den Salat. Das wird in diesem Leben wahrscheinlich auch so bleiben.
Auf der anderen Seite muss der Kerl bei allem mit, was ich so treibe. Und jetzt sitzt er mit auf dem Fahrrad, ob ihm das gefällt oder nicht.
Dann ist mir aufgefallen, dass Tommi auch nicht alleine ist. Der hat seinen Kumpel CHAPPY dabei. In Wirklichkeit heißt er ChatGPT und ist die bekannte künstliche Intelligenz. Aber ohne den Kerl kann auch er nicht mehr leben.
Kurz und krumm, wir sind ein illustres Grüppchen, das durch die Gegend radelt. Zwei von uns genießen alles, was wir tun. Einer wird ständig gefragt, und ein anderer muss mit — ob er will oder nicht.
Die erste Etappe

Richtig in den Sattel gesetzt haben wir uns dann in Basel. Von dort aus ging es den Rhein entlang nach Osten.
CHAPPY guckt derweil aufs Wetter, hat den Regen im Auge und gibt uns Zeitfenster durch, in denen wir uns am besten bewegen — oder besser in Sicherheit bringen. Hat bisher perfekt geklappt.

Schon am ersten Tag hat er uns ordentlich gejagt, damit wir vor dem Regen trocken ankommen.
Als wir an der Unterkunft in Bad Säckingen ankamen, haben wir noch die ersten Tropfen abbekommen. Aber bevor der richtige Schauer losging, war alles in der Wohnung.
Übrigens — nicht, dass du uns jetzt für bekloppt erklärst: Wir haben die Fahrräder mit ins Apartment genommen, weil sie unten nicht sicher unterzubringen waren. Sie stehen jetzt brav in der Ecke rum.
Ins Bett durften sie natürlich nicht.
Jeder Jeck ist anders
Spannend ist in den ersten Tagen immer, wieder eine Balance zu finden. Auf der einen Seite steht die Ordnung und das ästhetische Wohlbefinden.

Da ich meistens vorne fahre, schaut Tommi den ganzen Tag von hinten auf mein Gepäck. Und dessen Anordnung hat er sich deutlich ordentlicher gewünscht.
Kurzum: Auf einmal bastelt er in meinen Taschen herum und sortiert sie so, dass er stressfrei hinter mir herfahren kann.
Improvisieren ist aber auch manchmal ganz hilfreich. Besonders dann, wenn Dinge aus der Spur laufen. Wenn man zum Beispiel etwas im Restaurant liegen lässt, statt es mitzunehmen — und dann mit Schrecken feststellt: Wo ist das Zeug?
Also mit Schmackes zurück zum letzten Stopp. Da hatte die freundliche Bedienung meinen Rucksack längst an sich genommen und sichergestellt. Wie sagt der Rheinländer: Et hätt noch immer jot jejange.
Aber noch mal brauche ich das nicht.
Vom aufrechten Gang zum Lenkrad?
Ein paar Orte weiter wurde es dann plötzlich philosophisch — ausgelöst durch eine wirklich beeindruckende Skulptur. Die Darstellung beginnt mit der Entwicklung zum aufrechten Gang. Sie bewaffnet den Ureinwohner zunächst mit einem Knüppel, dann mit Pfeil und Bogen, und zeigt ihn schließlich als martialischen Krieger. Und am Ende sitzt der Mensch am Lenkrad.
Ob die Evolution wirklich den Sinn hat, uns ans Lenkrad von Automobilen zu setzen? Nur der Herr weiß es. Oder mal schauen, ob CHAPPY dazu eine vernünftige Interpretation parat hat?
Die Evolution ist ein immer weiter fortschreitender Prozess der Anpassung. Und schon die Griechen formulierten es treffend: Das einzige Beständige im Leben ist der Wandel.
Panta rhei.
Und genau das spiegelt sich in diesen unterschiedlichen Wasserbildern. Mal mit sichtbarer, brachialer Gewalt. Mal wirkungsvoll und entspannt fließend durch die Strömung. Und dann als Nahrungsmittelbeschaffer für die unterschiedlichsten Tierarten.
Für diesen Fischreiher zum Beispiel. Mit staksigen Schritten geht er durchs Wasser und sucht nach Nahrung.

Abends sind wir dann noch zum Finale der Weltmeisterschaft zwischen Spanien und Argentinien in einer Sportkneipe aufgeschlagen. Ob diese WM in der Evolutionsbetrachtung eine Rolle spielen wird, wage ich zu bezweifeln.
Unser Tisch war fest in spanischer Hand, die Aufregung entsprechend deutlich. Für uns war aber nach der ersten Halbzeit Schluss, denn wir hatten schon einen langen Tag hinter uns und brauchten uns die zweite Halbzeit nicht wirklich noch anzutun.
Trotzdem: Glückwunsch nach Spanien!
Nach dem Spiel ist vor dem Spiel, und so geht es auch uns. Wir freuen uns auf das, was in den nächsten Tagen auf der weiteren Tour noch alles auf uns wartet.
Panta rhei.



Sehr spannend und unterhaltsam