Zwischen Sonne und Regen
Aktualisiert: 29. Juli
Gib jedem Tag die Chance, der beste in deinem Leben zu werden
Pünktlich um 8:30 Uhr haben wir uns wieder auf den Weg gemacht. Es gibt Morgen, da muss man gar nichts erzwingen – die Beine drehen einfach, die Luft ist noch kühl, und man merkt schon nach den ersten Kilometern, dass der Tag es gut mit einem meint.
Unser Ziel heute: Garmisch-Partenkirchen. Bei wunderschönem Wetter ziehen die Bergkämme rechts und links an uns vorbei, ganz gemächlich, als würden sie uns begleiten wollen. So ein Start in den Tag ist ein Geschenk, und ich versuche mir das jedes Mal bewusst zu machen, statt es einfach nur dahinzurollen. Das Video zu den beiden Tagen findest du am Ende des Blogs.
Das „Neuste" kommt unter die Räder

Und dann endet der Radweg. Einfach so. Vor uns liegt eine Bundesstraße mit Tempolimit 100, die bei den Autofahrern offensichtlich sehr beliebt ist. Man steht da, hört die Autos vorbeisausen und schaut auf der Karte nach Alternativen.
Auf der anderen Straßenseite sehen wir eine fette Straßensperre vor einem gerade völlig neu angelegten Radweg. Sperrungen haben für uns in der Regel eher Empfehlungscharakter – etwas, das sich beim besten Willen nicht bindend anfühlt. Dann kommt noch dazu, dass das, was wir sehen, einfach unglaublich grandios aussieht. Zwei Fahrspuren, wie auf einem Fahrradhighway – frisch asphaltiert, makellos, menschenleer. Also ganz klar: um die Sperre herum und los. Mal schauen, wo wir landen.
Und dann das: eine Strecke, die sich in Serpentinen den Berg hinaufschlängelt. Kein Auto, kein Mensch, kein Geräusch außer dem Motor, der heftig arbeitet, und unseren Reifen auf dem neuen Belag. Das habe ich so noch nicht erlebt. Einfach grandios zu fahren.
Der Berg zeigt uns dann auch wieder ganz freundlich, dass wir in unterschiedlichen Geschwindigkeiten unterwegs sind. Tommi muss immer wieder auf mich warten. Er macht das ohne ein Wort, steht oben an der Kurve, schaut in die Gegend – und wartet, bis ich ankomme.
Schotter und die richtige Balance

Runter geht es dann über sechs Kilometer auf einer anspruchsvollen Schotterstrecke durch den Wald. Gott sei Dank habe ich ziemlich dicke Reifen, die einiges von dem groben Untergrund schlucken.
Trotzdem hat man manchmal den Eindruck, das Rad wolle immer wieder mal woanders hin als ich. Es rutscht, es sucht sich seine eigenen Linien, es diskutiert. Und ich merke: bloß nicht zu langsam werden. Genau da liegt der Trick für mich. Mutig sein, sich trauen, rollen zu lassen – und so die richtige Balance finden. Das gilt nicht nur auf Schotter.
Der Plansee und die Sache mit der Hausnummer 14
Im Tal wieder angekommen, sind wir um den wunderschönen Plansee gefahren. Dieses
Türkis, das man auf Fotos immer für nachbearbeitet hält – und dann steht man davor und es stimmt tatsächlich. Zum Glück waren wir früh genug dran. Der große Andrang war gerade erst im Anrollen, und wir hatten das Ufer noch fast für uns.
Und danach ging es zur Unterkunft. Nachdem wir dann auch noch die richtige Flussseite gefunden hatten – was länger gedauert hat, als ich hier zugeben möchte – und uns endlich die Hausnummer 14 nicht mehr verborgen blieb, waren wir in unserer Unterkunft. Rad abstellen, Schuhe aus, kurz sitzen. Diese fünf Minuten nach einer langen Etappe sind mit nichts zu bezahlen.

Abends in Garmisch: Brauchtum, Biergarten, bayerische Tapas

Am Abend haben wir uns dann auf den Weg nach Garmisch gemacht, wo sich das Brauchtum eindrucksvoll zur Schau stellte. Trachten, Musik, Menschen, die das nicht für Touristen machen, sondern für sich selbst – das merkt man sofort und das macht den Unterschied.
Als der Festzug an uns vorbeigezogen war, haben wir uns einen Biergarten gesucht. Dort mussten wir uns erst einmal an den richtigen Platz setzen, sonst hätten wir gleich wieder gehen müssen – die Ordnung will eben gewahrt werden. Dazu Bedienungen mit einem Humor, der einen sofort mitnimmt.
Und dann das ganz Besondere: Es gab bayerische Tapas. Ich habe erst gestutzt, aber das Zeug hat richtig gut geschmeckt. Kleine Portionen, einfach probieren – das passt prima zu so einer Reise.
Zweiter Tag: Die App hat uns gewarnt
Am nächsten Morgen hat uns die App freundlich darauf hingewiesen, dass Regenkleidung für den heutigen Tag durchaus eine gewisse Bedeutung haben dürfte. Man kann so etwas ignorieren. Man kann es aber auch als das nehmen, was es ist: eine höfliche Vorwarnung.
Bei leichtem Nieselregen, der sich irgendwie mehr erfrischend als lästig anfühlte, passieren wir die Skisprungschanze von Garmisch-Partenkirchen. Ich stehe unten, schaue hoch – und denke mir: Die Jungs und Mädels, die sich da runterstürzen, müssen vollkommen verrückt sein.
Reit im Winkl, mit 16, auf der Schanze
Da fällt mir etwas ein, das ich lange nicht erzählt habe.

Ich bin mit 16 Jahren in Reit im Winkl völlig blauäugig auf eine Schanze hochgestiegen. Einfach so, um ein schönes Foto zu machen. Oben angekommen habe ich aus Versehen nach unten geschaut – und hatte durch die Metallwaben einen glasklaren Blick auf den festen Boden, der sich in beachtlichem Abstand zu meinen Füßen befand.
Ab da ging gar nichts mehr. Ich stand da wie festgeschraubt. Nach einer meditativen Pause von mehr als einer halben Stunde habe ich all meinen Mut zusammengenommen und einen Schritt nach vorne gemacht. Nur einen. Dann den nächsten. Das ist ewig her. Aber als ich jetzt unten stehe und hochschaue, ist der Reflex noch genau derselbe. Manche Dinge wachsen sich nicht aus, die lernt man nur besser zu tragen.
Regen am Achensee
Die Räder fahren voran. Als wir am Achensee ankommen, begrüßt uns eine Regenfront, die sich offensichtlich fest vorgenommen hatte, den Pegel des Sees an diesem Tag noch deutlich zu erhöhen. Das war kein Schauer mehr, das war eine Ansage.
Und trotzdem: Ich war mir nicht sicher, ob es wirklich angemessen war, in dem Moment die Kamera rauszuholen. Aber ich konnte nicht anders. Der See grau und silbern, die Wolken hängen tief in den Hängen, das Wasser und der Himmel gehen ineinander über. Eine Landschaft, die sich für mich anfühlt wie ein Gemälde. Bei Sonnenschein wäre das nur eine Postkarte gewesen.

Der Schweinebraten
Nachdem wir zwei Drittel der Strecke abgespult hatten, fanden wir ein Restaurant. Von außen wirkte das Haus, als hätte jemand einen Fahrradparkplatz aus Holland genommen und nach Bayern verlegt – so viele Räder standen davor.

Als wir an die Theke traten, stand da geschrieben: selbstgemachter Schweinebraten – am Wochenende bei schönem Wetter.
Ein prüfender Blick in den Himmel. Dazu das Gefühl auf meiner Haut und die recht eindeutige Wahrnehmung, dass da in regelmäßigen Abständen Regentropfen aufschlagen. Es muss also neben dem Kriterium „schönes Wetter" noch etwas anderes geben, was den leckeren Schweinebraten am Ende auf den Teller bringt.
Wir haben nicht nachgefragt. Wir haben bestellt. Und er war großartig.
Ankunft am Kochelsee
Als wir uns dann gut genährt wieder aufs Rad geschwungen haben, war der Regen so nett und hörte einfach mal auf. So etwas nehme ich mittlerweile als persönliche Aufmerksamkeit.
Nachdem wir den letzten Anstieg überwunden hatten, lag der Kochelsee vor uns. Man kurbelt sich hoch, keucht, flucht ein bisschen – und dann öffnet sich die Landschaft und man weiß wieder, warum man das macht.
Hier bleiben wir jetzt bis Mittwochmorgen, weil ich Montag und Dienstag arbeiten muss.
Das war schon immer so in meinem Leben. Und ich werde es wohl auch nicht mehr los, dass ich der Arbeit diese prominente Rolle einräume. Ich habe aufgehört, mich deswegen zu ärgern. Es gehört offenbar zu mir. Aber vielleicht ist ja genau das der Grund, warum sich so ein Tag auf dem Rad – mit gesperrtem Radweg, Schotter, Regen und Schweinebraten – so unverschämt reich anfühlt.
Morgen früh sitze ich am Schreibtisch. Und der Kochelsee liegt trotzdem vor der Tür.



Kommentare